DAS GÄRTNERHAUS

Das Gärtnerhaus im Frühling / Sommer 2016. Eine Oase des Friedens mitten in Augsburg. Leider steht es nicht mehr.  (Fotos: privat)

Seit Dienstag, 19. Juli 2016, ist nun auch das Heizhaus verschwunden. Der Platz gleicht einem leeren Nest, doch die Kampagne zum Schutz der Bäume und Freiflächen läuft weiter.

Am Donnerstag, den 14. Juli 2016 wurde mit der Demontage der Treibhäuser begonnen. Die Entscheidungsträger ließen keine Bereitschaft zum Stopp der Abbrucharbeiten erkennen.
Zeichnung: Herzlichen Dank an Dr. Gregor Nagler.

Appell von Dr. Gregor Nagler zum Erhalt des Martini-Heizhauses

Zum aktuellen Stand: das historische Heizhaus und die Gewächshäuser stehen noch, werden aber wahrscheinlich in den nächsten Tagen abgerissen. Hierzu schreibt Dr. Gregor Nagler, der bekannte Architekturhistoriker und Kunstpädagoge, der aus Protest das Amt des Organisators des Denkmaltags in Augsburg niedergelegt hat, einen aufrüttelnden Brief an die Politik, Martini und die Investoren sowie an die Presse. – Es ist ein letzter Versuch, etwas Einzigartiges für Augsburg zu retten!

Sehr geehrte Damen und Herren,

leider wurde das Gärtnerhaus des Martini-Parks im Textilviertel vergangen Freitag/Samstag (8./9. Juli 2016) abgebrochen. Mit dem Heizhaus und den angebauten drei Gewächshäusern blieb aber ein bemerkenswertes Zeugnis gärtnerischer Nutzung im Textilviertel erhalten. Das Bauwerk steht direkt am Hanreibach, im Plan des Adressbuches von 1902 ist es bereits eingezeichnet.
Die Mischung aus gärtnerischer und gewerblich-handwerklicher, später industrieller Nutzung ist typisch für das historische Textilviertel. Astrid Debold-Kritter analysierte die sich hier zeitlich und strukturell überlagernden Bau- und Landschaftszeugnisse als Gutachterin im Auftrag Stadt Augsburg 1989, ihre Ergebnisse liegen in Publikationen vor (Siehe u.a. Debold Kritter, Das Textilviertel in Augsburg – Beschreibende und photographische Analyse einer historischen Kultur- und Industrielandschaft mit ihren Baudenkmälern, in: Beiträge zur Denkmalkunde, Tilman Breuer zum 60. Geburtstag, München 1991). Für solche hoch komplexen Areale forderte Norbert Huse in seiner Schrift „Unbequeme Baudenkmale“ (1997) im übrigen neue Formen des Schutzes außerhalb der klassischen Kategorien Ensemble und Einzelbaudenkmal.

Bereits im 18. Jahrhundert lagen im Textilviertel neben den vorindustriellen Gewerbebetrieben auch Lustgärten wie der Schaursche Garten, von dem am Sparrenlech der Wasserturm (18./19 Jh.) zur Versorgung der Nutz- und Zierpflanzen sowie der Wasserspiele erhalten blieb. Die Augsburger Gärten waren so berühmt, dass der Verleger Martin Engelbrecht und der Kupferstecher Carl Remshard eine ganze Serie von Ansichten der berühmtesten Areale herausgaben. Allerdings sind hiervon nur wenige bauliche Zeugnisse überkommen. Wie der Schaursche Turm ist auch das Martini-Heizhaus mit den anschließenden Gewächshäusern ein Beispiel für die vielgestaltige Nutzung des Wassers in Augsburg, allerdings aus einer späteren Epoche, nämlich der Jahrhundertwende. Um 1900 begann sich die Heimatschutzbewegung in Bayern auszubreiten. Neben lebensreformatorischen Ansichten unter dem Motto „Licht, Luft, Sonne“ begann man sich auch für den Schutz von Landschaften und Ortsbildern einzusetzen – Gabriel von Seidl etwa mühte sich um die Bewahrung der Isar-Auen. Der auftrumpfende Historismus, in Augsburg zu sehen etwa bei der Haag- und der Silbermann-Villa, wurde von den Heimatschützern abgelehnt. Vorbildlich galt die einfache Architektur um 1800; die Einfügung von Goethes schlichten Gartenhaus in Weimar in die Landschaft der Ilm-Aue wurde zur „Ikone“ der Heimatschutzbewegung. Die Martinis ließen sich offenbar davon „anstecken“, denn das Ensemble aus Gärtnerhaus, Heizhaus und Gewächshäusern zeugte von einer sensiblen Einfügung in das „scheinbar natürliche“ Parkgelände des Industriebetriebes. Dieses Ensemble existiert seit dem 9. Juli 2016 nicht mehr.

Das Heizhaus aber ist bis heute nicht nur als Architektur erhalten, es weist darüber hinaus die alte Technik, einen Heizkessel zum Erwärmen des Wassers, sowie Leitungen zu den Gewächshäusern auf. In Augsburg gibt es keine zweite Anlage dieser Art mehr. Ähnliche Bauten gibt sind überhaupt selten, es gibt sie zum Beispiel im Gärtnerviertel in Bamberg als Teil des UNESCO-Weltkulturerbes, allerdings nicht im Rahmen eines englischen Parks sondern gewerblicher Gärtnereien.

Der Grund für die Seltenheit des Martini-Heizhauses: Technische Anlagen und Nutzbauten galten lange nicht als schützenswert. Augsburg ist zum Beispiel mit Recht stolz auf den nun zum Teil sanierten ehemaligen Städtischen Bauhof am Proviantbach (17./18 Jh.), aber sein Erhalt war lange keine „ausgemachte Sache“.

Das Martini-Heizhaus wäre wegen seiner geringen Größe ohne erheblichen Aufwand in eine Neubebauung einzubeziehen. In einem Artikel der Stadt-Zeitung ließ der Architekt der Martini-GmbH, Thomas Glogger, in Bezug auf Gärtnerhaus und Heizhaus verlauten, sie wären in dem neu zu bauenden Wohngebiet ohnehin „Fremdkörper“. Wie seltsam. Ist das Rathaus in seiner zum großen Teil nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Umgebung ein Fremdkörper? Ist das Maximilianmuseum mit seiner Fassade aus dem 16. Jahrhundert ein Fremdkörper neben der Barockfassade des Köpfhauses? Oder werden Bauten nicht eher zu Fremdkörpern, wenn man sie zu Fremdkörpern macht, indem man ein neues, schematisches Raster bezugslos über die alte Struktur legt? Ist dann die alte Struktur der Fremdkörper oder nicht doch das neue Raster?

Organische Planung beachtet immer überkommene Gefüge, Schichten, Grenzen und Bauten. Die Augsburger Stadtplanung beispielsweise geht auf den in den 1920er-Jahren von Theodor-Fischer ausgearbeiteten Generalbaulinienplan zurück. Fischer war – damit den Heimatschützern ähnlich –bekannt dafür, dass er Parzellen, Feldwege oder Baumgruppen, sofern möglich, in seine Planung integrierte. Dies war rational, da Besitzstrukturen oft nicht aufzubrechen waren. Dadurch behielten die Orte aber auch ihren manchmal „krummen“, spezifischen Charakter. Nicht Schemata bestimmten bei Fischer die Planung, sondern ortsspezifische Lösungen, die nicht mehr Geld kosten oder weniger Wohnraum bieten mussten, sondern lediglich etwas mehr Nachdenken erforderten.

Natürlich liegt das Martini Heizhaus – so ein Argument –gerade auf der künftigen Erschließungsstraße. Wenn man indes nicht optimistisch wäre, dass die beteiligten Planer und Architekten so viel Krativität aufbringen, um zumindest das winzige Heizhaus mit den Gewächshäusern zu erhalten, müsste man an städtebaulichen Prozessen in Augsburg allgemein (ver)zweifeln.

Mit besten Grüßen
Gregor Nagler

GÄRTNERHAUS ABGEBROCHEN

Seit Samstag, 09. Juli, ca. 10 Uhr, müssen wir vom Totalverlust des Gärtnerhauses sprechen. Die aus unserer Sicht unnötige und außerdem übereilte Abrissaktion war trotz aller Bemühungen nicht mehr zu stoppen. Unsere Aktion zum Schutz der Bäume, Parkflächen und verbliebenen Häuser läuft jedoch weiter. Augsburg braucht grüne Freiräume, die aus der Stadtgeschichte erzählen und positive Energie spenden!

„Meine Generation war aus dem Krieg heimgekommen, um festzustellen, dass die Zerstörung unserer Kulturdenkmäler auch ohne Bomben weiterging“.
Prof. Bruno Bushart,
Kunsthistoriker, ehem. Direktor der Städtischen Kunstsammlungen von Augsburg († 2012)
(Fotos: privat)

Aktuelle Pressemeldung des Bund Naturschutz:

Abriss im Martini-Park

9.07.2016

Mit Bedauern hat der Bund Naturschutz den Abriss des Gärtnerhauses im Martini-Park am Samstag zur Kenntnis genommen.

Ein künftiges Schmuckstück im neuen Wohnquartier wurde in aller Eile beseitigt, wohl um Diskussionen um Erhalt und Umnutzungen des Geländes aus dem Weg zu gehen.

Denn das Gärtnerhaus liegt nicht im ersten Bauabschnitt, sondern im Baufeld 2.2, das wäre erst später zur Bebauung dran gewesen.

Der Abriss wurde zwar schon vor 20 Jahren genehmigt, aber die Martini GmbH hält sich in vielen anderen Punkten auch nicht an die alten Planungen. Man darf dazu lernen und neue Erkenntnisse gewinnen.

Der Bebauungsplan für das Martini-Gelände, der nun statt Gewerbe Wohnbebauung vorsieht, ist noch nicht vom Stadtrat verabschiedet. Modifizierungen an der Gebäudeanordnung wären also noch möglich.
Die Freiflächen rund um das Gärtnerhaus existieren noch, Gewächshäuser und Heizhaus sind noch intakt (wie lange noch?), die Obstbäume stehen noch und kein Baum darf vor Oktober gefällt werden.

Noch kann man diese Freifläche dem großen Martini-Park zuschlagen und sie kann die Kernfläche des zu erhaltenden Parks werden, mit all seinen parktypischen Funktionen (Treffpunkt für Ballspiele, Platz für Sonnenanbeter). Darüberhinaus wäre sie die grüne Lunge und Ruhepunkt für das Quartier.

Die geplante Bebauung würde durch die weitausgreifende Tiefgarage weitere Bäume am Rand gefährden (die dann später bedauerlicherweise wegen Beschädigungen gefällt werden müssten) und die großen Baukörper würden die ohnehin kleine Parkfläche „erdrücken“.

Wir setzen uns weiterhin ein für einen größeren Park, für die Umsetzung des
Stadtteilentwicklungskonzeptes, für nachhaltige Stadtplanung, für besseres und zukunftsfähiges Bauen in der Stadt.

Irene Kuhn

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